„Alle Fähigkeiten, die Kinder stark machen, gelten auch für Erwachsene“

Ein Interview mit Sonja Blattmann vom MuT-Zentrum

Sonja Blattmann ist ausgebildete Sexual- und Theaterpädagogin, Autorin und Kinderliedermacherin. Seit über zwanzig Jahren setzt sie sich für Gewaltprävention und die Stärkung der kindlichen Persönlichkeit ein, leitet zum Beispiel Seminare zu Kinderschutz und Sexualpädagogik. Sie hat mit ihrer Partnerin Karin Derks 2011 das MuT-Zentrum gegründet.

Das Zentrum für Gewaltprävention ist bundesweit unterwegs und nutzt Musik und Theater als stärkende künstlerische Ausdrucksformen. Sonja Blattmann ist seit vielen Jahren im Vorstand der DGfPI, einem großen Kinderschutzverband.

Sonja Blattmann

Sonja Blattmann. Foto: Daniel Blattmann

Liebe Frau Blattmann, wir freuen uns, dass Sie unseren Leserinnen und Lesern etwas über sich und Ihre Arbeit mit dem MuT-Zentrum erzählen. Gehen wir doch zunächst ein bisschen in der Zeit zurück: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Und ist er Beruf oder Berufung für Sie?

Das Arbeiten mit Kindern war immer ein Herzensanliegen für mich. In den späten 80er und frühen 90er Jahren begann ich mich stärker für Kinderrechte einzusetzen. Der Feminismus dieser Zeit trug viel dazu bei, dass sich zunächst Frauen von ihren schlechten Geheimnissen befreiten. Sie konfrontierten erstmals die Öffentlichkeit mit den Folgen von sexualisierter Gewalt. Viele Beratungsstellen entstanden und der Ruf nach Prävention wurde deutlicher.

Mein erstes Buch „Ich bin doch keine Zuckermaus“ entstand und wurde von Marion Mebes, der heutigen Verlagschefin von Mebes&Noack veröffentlicht. Bald darauf startete ich die ersten musikalischen Lesungen und war fortan mit der Deutschen Bundesbahn und meiner Gitarre unterwegs. Es folgten weitere CDs, Bilderbücher und Fachliteratur, allesamt erschienen bei dem bereits genannten Verlag.

Musik und Theater sind für uns die Instrumente, mit denen es gelingt, mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen effektiv zu arbeiten.

Was sind die Aufgaben des MuT-Zentrums und welche Rolle spielen Musik und Theater dabei? Warum wurden gerade diese Ausdrucksformen gewählt?

2006 war das Jahr, in dem mir das Glück eine Frau an die Seite schickte, mit der das Arbeiten und Reisen seit vielen Jahren sehr viel Freude macht. Karin Derks, langjährige Theaterregisseurin, Theater- und Musikpädagogin. Zusammen gründeten wir 2011 das MuT-Zentrum mit den beiden Säulen MuT-Mobil und MuT-Labor.

Mobil sind wir unterwegs in Sachen Gewaltprävention und Sexualpädagogik in vielen Kindergärten und Schulen bis hin zu Universitäten und pädagogischen Ausbildungsstätten. Musik und Theater sind für uns die Instrumente, mit denen es gelingt, mit Kindern und Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen effektiv zu arbeiten. Lieder und Rollenspiele haben eine direkte Wirkung auf unsere Emotionen. Ohne Angst zu machen lernen Kinder sich Lösungen zu erspielen, im Rollenspiel mutig Grenzen zu setzen oder schlechte Geheimnisse weiterzusagen und sich Hilfe zu holen. Das gemeinsame Singen stärkt die eigene innere Stimme. Schutzbotschaften werden singend verstärkt und mit Bewegungen im Körper verankert. So können sie besser erinnert werden. Erste Forschungen zur Effektivität von Präventionsprojekten bestätigen genau dieses Phänomen.

Im MuT-Labor werten wir unsere Arbeit aus und entwickeln stetig neue Projekte. Der Umgang mit kindlicher Sexualität und sogenannten Doktorspielen verunsichert zur Zeit viele Erwachsene. Unser neues Stück „Bibi und die Sache mit der Unterhose“ nimmt genau dieses Thema auf. Das Stück gibt es inzwischen nicht nur als musikalische Lesung, sondern für zu Hause oder im Kindergarten auch als Hörspiel-CD. Es ist unsere erste Eigenproduktion, auf die wir sehr stolz sind.

Die größte Herausforderung ist sicherlich, selbst wachsam und präsent zu bleiben.

Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen in Ihrer Arbeit? Was sind besonders schöne Momente, und welche Situationen verlangen Ihnen immer wieder viel ab?

Die größte Herausforderung ist sicherlich, selbst wachsam und präsent zu bleiben. Das bedeutet angesichts dieser vielen Gewaltgeschichten gleichzeitig eine gute Selbstfürsorge zu betreiben. Der eigenen Lebensfreude genügend Raum zu geben, anstatt in Wehklage über „die bösen Männer“ oder „die schlimme Welt“ zu verfallen. Differenziert und fachlich kompetent Bildungsarbeit voranzutreiben und Klischees oder Verallgemeinerungen die Stirn zu bieten.

Schöne Momente gibt es immer wieder im persönlichen Kontakt mit unserem Publikum. Wenn Erwachsene erkennen, dass es sich lohnt, für den Schutz ihrer Kinder einzutreten, oder Kinder voller Inbrunst singen: „Eines sag ich dir, mein Körper gehört mir.“

Welche Erfahrungen machen Sie mit den Menschen, denen Sie bei Ihrer Arbeit begegnen? Mit betroffenen Kindern, aber auch mit Erwachsenen?

Alle Materialien sind bewusst so gestaltet, dass sowohl betroffene Kinder als auch betroffene Erwachsene ihren ganz individuellen Schutz behalten können. Trotzdem können natürlich Traumata getriggert und wachgerufen werden. Deshalb ist es uns sehr wichtig, dass das Netzwerk zu den entsprechenden Beratungsstellen steht. Auch die erwachsenen Bezugspersonen brauchen ein Wissen über Handlungsformen bei sexualisierter Gewalt oder anderen Kindeswohlgefährdungen.

Schlussendlich liegt die Verantwortung, ob Prävention gelingt, nie bei den Kindern, sondern immer bei den Erwachsenen. Immer noch erzählen betroffene Kinder ihre Geschichten bis zu siebenmal an unterschiedlichen Stellen, bis ihnen einmal geglaubt wird. Ich bin sehr froh, dass wir inzwischen bundesweite Kampagnen haben, zum Beispiel http://www.kein-raum-fuer-missbrauch.de oder auch http://www.trau-dich.de.

So ist es sowohl Eltern als auch pädagogischen Fachkräften möglich, sich umfassend zu informieren und Hilfe zu organisieren.

Prävention wirkt am besten, wenn sie möglichst viele Zielgruppen erreicht.

Warum arbeiten Sie mit Irmi Wette für ihr Projekt „Pfoten weg!“ zusammen und was bedeutet Ihnen diese Zusammenarbeit?

Irmi Wette setzt sich mit viel Herz schon seit Jahren mit ihren „Katzenkindern“ für Präventionsarbeit ein. Sie ist eine erfolgreiche Netzwerkerin und schafft es, Menschen mit ihrem Anliegen zu motivieren. Mit ihren Aktionstagen schafft sie einen Zugang zu ganz unterschiedlichem Publikum. Eltern können sich über das regionale Hilfenetz informieren und sehen mit ihren Kindern gemeinsam das Stück.

Wenn wir nicht gerade selbst spielend und singend unterwegs sind, unterstütze ich ihre Arbeit gerne mit einer themenspezifischen Fortbildung für Erzieher*innen. Denn Prävention wirkt am besten, wenn sie möglichst viele Zielgruppen erreicht.

Präventionsarbeit und sexuelle Bildung müssen im öffentlichen Raum und in der pädagogischen Ausbildung ihren notwendigen Rahmen bekommen.

Was wünschen Sie sich beim Thema Präventionsarbeit von der Politik? Wo muss es Ihrer Meinung nach dringend Veränderungen geben?

Die dringendste Veränderung braucht es sicherlich im Bereich der Fachberatungsstellen für Betroffene. Erst wenn Beratungsstellen eine Festfinanzierung haben, werden Betroffene mit ihrem Recht auf Hilfe auch politisch wirklich ernst genommen.

Präventionsarbeit und sexuelle Bildung müssen im öffentlichen Raum und in der pädagogischen Ausbildung ihren notwendigen Rahmen bekommen. Ebenso das ganze Thema Kinderschutz. Ein wichtiger Schritt ist mit der Erstellung und Entwicklung von Schutzkonzepten in Institutionen bereits getan. Immer geht es hier um eine präventive Erziehungshaltung und den verantwortlichen Umgang mit Nähe, Distanz, Macht und der eigenen Sexualität. Mädchen und Jungen, die früh lernen, dass es ein Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung gibt, gehen respektvoller miteinander um und können sich vor Grenzverletzungen besser schützen.

Was können wir selbst beitragen, jeder Einzelne von uns?

Alle Fähigkeiten, die Kinder stark machen, gelten auch für Erwachsene.
Gefühle wahrnehmen und mitteilen, auf die innere Stimme hören, Grenzen setzen und nicht verletzen, gute Geheimnisse genießen und schlechte Geheimnisse weitersagen, Hilfe holen und Hilfe geben, den eigenen Körper als etwas Besonderes wahrnehmen und über Sexualität sprechen zu können. Das sind die wichtigsten Bausteine einer präventiven Erziehungshaltung. Sie beginnt im ganz normalen Alltag und fängt bei der gelebten Vorbildhaltung der Erwachsenen an.

Ein Kind, das über Sexualität sprechen kann, ist einfach besser geschützt.

Wie sehen Sie die Erzieher- und die Lehrerausbildung in Bezug auf die Sexualpädagogik? Was würden Sie hier empfehlen?

Ein elementarer Bestandteil der Prävention ist es, über den eigenen Körper und Sexualität alters- und entwicklungsgerecht Bescheid zu wissen und eine Sprache für Sexualität zu lernen. Ein Kind, das über Sexualität sprechen kann, ist einfach besser geschützt. Sexualpädagogik ist allerdings viel mehr als nur Prävention. Sie begleitet Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung ihrer Sexualität und gibt Orientierung, wie diese gelingen kann.

Beide Professionen sind wichtig, besonders in den Bildungsplänen und Curricula der Auszubildenden. Dort jedoch kommen beide Bereiche immer noch oft zu kurz. Das Familienministerium fördert deshalb in Deutschland fünf Jungprofessuren, die sich genau mit dieser Schnittstelle beschäftigen.

Oft geht es in sozialen Medien um das Erzeugen einer kollektiven Empörung.

Sie machen seit vielen Jahren Präventionsarbeit. Wie hat sich Ihre Arbeit durch Ihre Erfahrungen verändert? Was ist heute besonders wichtig und welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke?

Präventionsarbeit ist heute keine wirkliche Pionierarbeit mehr. Das Wissen um sexualisierte Gewalt ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Präventionsarbeit hat sich in diesem Rahmen differenziert und professionalisiert. Sie verankert sich immer mehr in den Leitbildern von Institutionen. Besonders in den Einrichtungen der Behindertenhilfe braucht es zusätzliche Initiativen und spezifische präventive und sexualpädagogische Materialien und Ansätze.

Ebenso wissen wir heute, dass speziell jugendliche Täter und Täterinnen rechtzeitig therapeutische Unterstützung brauchen, damit sie ihr sexuell aggressives Verhalten zugunsten von Respekt und Achtsamkeit regulieren können. Auch das ist Prävention. Sie bleibt jedoch immer eine Herausforderung.

Soziale Netzwerke und das Internet im Allgemeinen gehören für Kinder und Jugendliche zum Alltag. Ob nun Pokemons gejagt werden und Täter genau diese Neugierde von Kindern zur Kontaktaufnahme ausnutzen oder ob sich betroffene Jugendliche und Erwachsene anonym in einem geschützten Beratungschat Hilfe holen können – beides bietet die Technik.

Oft geht es in sozialen Medien um das Erzeugen einer kollektiven Empörung. Dazu eignen sich Tabuthemen wie sexueller Missbrauch oder Sexualität sehr gut. Was siegt, ist oft die Angst. Sie zu schüren gilt es zu vermeiden.

Mut ist gefragt!

Das bedeutet nicht nur, zu sexualisierter Gewalt „Nein“ zu sagen, sondern zu allem, was ausgrenzt, erniedrigt und verachtet. Im Umkehrschluss heißt das: „Ja“ sagen zum eigenen Körper, zu Wertschätzung, Respekt und Lebensfreude.

In diesem Sinne grüße ich Sie aus dem MuT-Zentrum und freue mich auf viele lebendige und mutmachende Fortbildungen im Rahmen von „Pfoten weg!“.

Sonja Blattmann

Herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Frau Blattmann.

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