„Die Opferperspektive muss stärker in den Fokus gerückt werden“

Ein Interview mit Bianca Biwer vom WEISSEN RING

Bianca Biwer ist Bundesgeschäftsführerin des Vereins WEISSER RING, der seit 1976 besteht. Der WEISSE RING unterstützt Menschen, die von Straftaten betroffen sind: Seine Mitarbeiter leisten Trost und Beistand und begleiten bei Behördengängen, vermitteln aber auch finanzielle und weiterführende Hilfen und engagieren sich in der Kriminalprävention.

Rund 3200 ehrenamtliche Helfer stehen schuldlos in Not geratenen und ihren Angehörigen in bundesweit 420 Außenstellen zur Seite.

Bianca Biwer

Foto: WEISSER RING/Matthias Haslauer

Liebe Frau Biwer, wir freuen uns, dass Sie unseren Leserinnen und Lesern etwas über sich und Ihre Arbeit beim WEISSEN RING erzählen. Gehen wir doch zunächst ein bisschen in der Zeit zurück: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen? Und ist er Beruf oder Berufung für Sie?

Als Juristin habe ich immer im Verbandsumfeld gearbeitet. Allerdings habe ich aufgrund meiner wirtschaftsrechtlichen Ausrichtung während des Studiums zunächst entsprechend in Wirtschaftsverbänden gearbeitet. Die Tatsache, sich für die Belange der Mitglieder einzusetzen, Problemstellungen zu lösen, in Gesetzgebungsverfahren mitzuwirken und sich für die Anliegen Gehör zu verschaffen, hat mir immer große Freude bereitet. Als ich dann ehrenamtlich begann, mich für das Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS zu engagieren, merkte ich aber, dass die Hilfestellung für die hier vertretenen Menschen ein absolutes Herzensanliegen ist.

Mit voller Leidenschaft habe ich mich also in der Freizeit für Opfer von Straftaten eingesetzt. Dass aus diesem Ehrenamt letztlich meine berufliche Tätigkeit erwachsen konnte, ist wohl ein großes Glück. Jetzt kann ich aus voller Überzeugung sagen: Mein Beruf ist gleichzeitig Berufung.

Es geht darum, Betroffenen Selbstvertrauen, Vertrauen in die Gesellschaft und ein Gefühl von Sicherheit im täglichen Leben zurückzugeben.

Was sind die Aufgaben des WEISSEN RINGS und womit haben Sie es am häufigsten zu tun?

Der WEISSE RING hilft Opfern von Straftaten – und zwar schnell, vielfältig und direkt. In bundesweit 420 Außenstellen leisten unsere 3.200 ehrenamtlichen Mitarbeiter Trost und Beistand, begleiten aber auch bei Gängen zur Polizei oder zu Gerichten, um durch ihre Anwesenheit als Vertrauenspersonen zu unterstützen. Darüber hinaus vermitteln die Mitarbeiter auch weiterführende und finanzielle Hilfen wie beispielsweise Hilfeschecks für eine anwaltliche oder psychotraumatologische Erstberatung. Oft fühlen sich Opfer, nachdem sie eine Straftat erleben mussten, hilflos und überfordert. Die Notlage scheint häufig aussichtslos. Aufgabe des WEISSEN RINGS ist auch, genau hier anzusetzen, schuldlos in Not Geratene an die Hand zu nehmen und zusammen mit ihnen nach Lösungen zu suchen. Es geht darum, Betroffenen Selbstvertrauen, Vertrauen in die Gesellschaft und ein Gefühl von Sicherheit im täglichen Leben zurückzugeben.

Darüber hinaus bearbeitet der WEISSE RING noch weitere Aufgabenfelder: Ein wichtiger Baustein ist zum einen das öffentliche Eintreten für Opfer. Der Verein setzt sich beständig in der Öffentlichkeit und gegenüber Medien und Politik dafür ein, die Nöte und Belange der schuldlos in Not Geratenen stärker als bisher in den Fokus zu rücken. Unser Ziel ist, denen eine Stimme zu geben, die zu wenig gehört werden. Denn nur wenn Missstände angesprochen werden, können sie auch behoben werden. Zum anderen ist natürlich auch die Präventionsarbeit eine wichtige Aufgabe des WEISSEN RINGS. Im Rahmen ganz praktischer Vermittlungsarbeit versuchen wir beispielsweise durch Verhaltenstipps Verbrechen bestmöglich vorzubeugen. Vorbeugung ist der beste Opferschutz – dies ist das Motto, nach dem wir handeln.

Bianca Biwer

Foto: WEISSER RING/Matthias Haslauer

Was die Bandbreite unserer Arbeit angeht: Der WEISSE RING ist für alle Opfer von Kriminalität da. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Deliktsgruppen, mit denen es unsere Mitarbeiter zu tun haben: Körperverletzung, Mord, Sexualdelikte, Raub, Diebstahl, Erpressung, Mobbing und Cybermobbing, Stalking, Betrug … Die Hilfe des WEISSEN RINGS ist umfassend und klammert keine Deliktsgruppen aus. Schwerpunkttechnisch waren es im vergangenen Jahr 2015 hauptsächlich die Körperverletzungs- und Sexualdelikte, die die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS am häufigsten betreut haben.

Schön ist, wenn wir bei der Begleitung erleben, wie es dem Opfer gelingt, sich aus der Ohnmacht herauszuentwickeln. Wenn die Tat und der Täter die Macht über den Menschen verlieren.

Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen in Ihrer Arbeit? Was sind schöne Momente, und welche Situationen verlangen Ihnen viel ab?

Bei allem, was wir tun, geht es unmittelbar um das Schicksal von Menschen. Ich empfinde unsere Tätigkeit als besondere Verantwortung. Menschen, denen schuldlos Schreckliches widerfahren ist, suchen Hilfe, Schutz, Rat – und allein dieses kostet sie teilweise unbeschreibliche Überwindung. Sie verlassen sich auf uns und vertrauen uns. Bei allem, was wir tun, müssen wir uns dieser besonderen Vertrauenssituation bewusst sein.

Schön ist, wenn wir bei der Begleitung erleben, wie es dem Opfer gelingt, sich aus der Ohnmacht herauszuentwickeln. Wenn die Tat und der Täter die Macht über den Menschen verlieren. Wenn wir wieder ein Lachen auf das Gesicht zaubern können.

Besonders belastend empfinde ich persönlich die Begegnung von Opfern, die vor vielen Jahren oder Jahrzehnten schweres Leid erfahren haben und sich dann aus Scham und Angst über die ganze Zeit keine Hilfe holen konnten. Dann spürt man dieses gebrochene Leben, diese vielen „lebensentleerten“ Jahre – dies finde ich sehr schwer zu ertragen.

Hinter jeder Opferwerdung steht ein individuelles Schicksal.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den Menschen, denen Sie bei Ihrer Arbeit begegnen?

Das kann man nicht verallgemeinern. Hinter jeder Opferwerdung steht ein individuelles Schicksal. Oft erleben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber bei Opfern, denen wir helfen konnten, ein großes Gefühl der Dankbarkeit. Sie sind dankbar dafür, dass sie in einer für sie so schwierigen Situationen nicht allein dastanden, dass sie jemand an die Hand genommen hat und dass sie letztlich dann auch den Weg zurückgefunden haben in ein normales Leben. Das erleben wir sehr oft – und das ist natürlich auch für die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS immer wieder Motivation, mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit weiterzumachen.

Kinder müssen gestärkt werden. Ihnen muss vermittelt werden, dass sie das Recht haben, nein zu sagen. Genauso wichtig ist es, Eltern und Erziehungsberechtigte für das Thema zu sensibilisieren und zu einer präventiven Erziehung zu animieren.

Bianca Biwer

Foto: WEISSER RING/Matthias Haslauer

Der WEISSE RING kooperiert seit zwei Jahren bundesweit mit dem Präventionsprojekt „Pfoten weg!“ – was bedeutet Ihnen diese Zusammenarbeit?

Die Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern ist dem WEISSEN RING ein besonders wichtiges Anliegen. Kinder müssen gestärkt werden. Ihnen muss vermittelt werden, dass sie das Recht haben, Nein zu sagen. Genauso wichtig ist es, Eltern und Erziehungsberechtigte für das Thema zu sensibilisieren und zu einer präventiven Erziehung zu animieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist der WEISSE RING unter anderem auch eine Kooperation mit der Konstanzer Puppenbühne eingegangen. Gemeinsam mit ihr wollen wir möglichst vielen Kindern und Eltern, aber auch Fachkräften deutschlandweit ermöglichen, die Katzenkinder live zu erleben und sich gezielt über die Prävention von sexuellem Missbrauch zu informieren. Mit dem Puppentheaterstück „Pfoten weg!“, den vielen Begleitmaterialien und dem umfassenden Konzept der „Pfoten weg!“-Aktionstage bietet die Konstanzer Puppenbühne ein qualitativ hochwertiges und umfassendes Projekt zur Prävention von sexualisierter Gewalt gegen Kinder.

Sexuelle Gewalt ist keine Ausnahmeerscheinung.

Welche Erfahrungen gibt es beim WEISSEN RING mit der Betreuung von Kindern, die von sexueller Gewalt betroffen sind?  Was ist besonders wichtig?    

Jedes fünfte Mädchen und jeder neunte Junge werden vor ihrem 18. Geburtstag zum Opfer sexueller Gewalt. Diese Zahlen zeigen sehr eindeutig: Sexuelle Gewalt ist keine Ausnahmeerscheinung. Sie hat viele Gesichter, nicht nur Berührungen und Vergewaltigung fallen darunter, sondern auch Formen, in denen es keinen Körperkontakt gibt. Das Schlimme ist, dass sich die Täter sehr häufig das Schweigen der Opfer sichern: Oft werden Kinder nach der Tat unter Druck gesetzt oder bedroht. Häufig werden ihnen Schuld- und Schamgefühle eingeredet. Teilweise sind Bedrohungen oder Druck seitens der Täter auch gar nicht notwendig: Kinder schweigen auch, weil sie sich schämen, große Angst haben, ihre Familie zu zerstören oder schlicht ihre Eltern schützen wollen. All das wird von den Tätern dazu benutzt, ihre Opfer ruhigzustellen – und so letztlich weiter missbrauchen zu können.

Die Folgen von Missbrauch sind für die Opfer gravierend. Nicht selten  beeinträchtigen sie ihren gesamten Lebensverlauf. Ganz wichtig ist, eines zu realisieren: Kinder können sich meistens nicht allein gegen sexuelle Gewalt wehren oder die Handlungen des Täters beenden. Damit der Teufelskreislauf durchbrochen wird, müssen Erwachsene unterstützen.

Fünf Aspekte, mit denen Kinder geschützt werden können, sind dabei ganz wichtig: Wer sich Wissen aneignet und sich über Fakten und Risiken von sexuellem Missbrauch und sexueller Gewalt informiert, der beugt Unkenntnis vor. Wer gegenüber Kindern offen ist und Missbrauch nicht zum Tabuthema macht, hilft ihnen sich anzuvertrauen und öffnen zu können. Wer Kindern gegenüber aufmerksam ist, bemerkt Signale – und kann Missbrauch und Gewalt entdecken, wenn sie passieren. Wer Kindern Vertrauen schenkt, hört auf ihre Worte und merkt, dass Kinder nur selten ein an ihnen begangenes Verbrechen erfinden. Und wer handelt, sich um betroffene Kinder kümmert, sich Hilfe holt und Anzeige erstattet, der kann sexuellen Missbrauch beenden – und damit genau das tun, was Kinder allein nicht schaffen.

Die Opferperspektive muss stärker in den Fokus gerückt werden

Was wünschen Sie sich beim Thema Präventionsarbeit von der Politik? Wo muss es Ihrer Meinung nach dringend Veränderungen geben?

Die Opferperspektive muss stärker in den Fokus gerückt werden: Als die Einrichtung der Opferhilfe ist der WEISSE RING weitaus mehr als nur ein Akteur unter vielen. Die Mitarbeiter des WEISSEN RINGS erleben, wie Kriminalitätsopfer empfinden und leiden und wie andere mit ihnen umgehen. Daraus ergibt sich ein Erfahrungswissen, das der WEISSE RING für eine opferorientierte Kriminalitätsvorbeugung nutzt. Er kann wie keine andere Einrichtung die Ideen und Forderungen der Opferhilfe und des Opferschutzes in die gesamtgesellschaftliche Aufgabe Kriminalitätsvorbeugung einbringen.

Opferorientierte Kriminalprävention soll vor allem eine primäre Opferwerdung durch strafbare Handlungen verhindern, jedoch auch eine sekundäre Viktimisierung im polizeilichen und justiziellen Strafverfahren sowie durch das soziale Umfeld des Opfers. Jede Opferwerdung bedeutet eine Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit und der Lebensqualität. Viele Folgen von Straftaten sind für das Opfer und seine Angehörigen irreparabel.

Das Wichtigste ist Aufmerksamkeit!

Was können wir selbst dazu beitragen, jeder Einzelne von uns?  

Das Wichtigste ist Aufmerksamkeit! Ob Diebstahl, Einbruch oder häusliche Gewalt, vielen dieser Straftaten lässt sich mit Aufmerksamkeit entgegenwirken. Unbedacht den Geldbeutel in der Hosentasche getragen oder im Einkaufskorb offen obenauf liegend ist das für Taschendiebe ein einfaches Ziel. Daher ist es wichtig, seine eigenen Verhaltensweisen zu betrachten und gegebenenfalls zu ändern.

Auch die Zivilcourage – das heißt: das Eintreten für andere – ist ein wichtiger Aspekt der Prävention. Dabei gilt grundsätzlich, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen – ein Anruf bei der Polizei kann hier jedoch bereits zur Verhinderung eines Verbrechens genügen.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Präventionsarbeit?

Soziale Medien sind natürlich auch für uns eine Möglichkeit, unsere Botschaften schnell und mit guter Streuung zu verbreiten. Daher weisen wir im Rahmen unserer Öffentlichkeitsarbeit beispielsweise auch über Facebook darauf hin, wie man sich vor Taschendieben schützen kann und warum Wertsachen nicht im Auto gelassen werden sollten. Für uns ist eine Verbreitungsmöglichkeit wie Social Media ein sehr wertvoller und effizienter Kanal, um auf die Arbeit des WEISSEN RINGS aufmerksam zu machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Biwer.

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